irrewirre

14. Juni 2012
von irrewirre
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Frühstückskekse. Oder: Was eine Produktprobe so auslösen kann.

Habe ich den Trend verpasst oder esst ihr auch keine Kekse zum Frühstück? Jetzt mal abgesehen von Festivals, Urlaub oder dem Tag nach einer Party?

Eben beim Einkaufen fiel mir an der Kasse ein kleiner Stand auf. An dieser Stelle werden gerne mal Neuheiten präsentiert, oft sind das Minipackungen zu Maxipreisen. Heute stand „Kostenlos“ dran. Ja dann. Was es gab? Probepackungen vom „belvita Frühstückskeks“. Ich weiß nicht, ob noch andere Geschmacksrichtungen dabei waren, wir haben jedenfalls Cranberry erwischt.

Die Packung verspricht „Energie für den ganzen Vormittag“ mit dem üblichen *, das mich auf Folgendes hinwies: „Als Bestandteil eines ausgewogenen Frühstücks ermöglicht belVita die kontinuierliche und schrittweise Abgabe von Kohlenhydraten über vier Stunden. Dies wurde in mehreren klinischen Studien belegt.“ Hört sich irgendwie mehr nach einem Medikament als nach Frühstück oder Keks an. Gibt es eigentlich noch andere Kekse, die ihr ‚Können’ in klinischen Studien bewiesen haben? Mir sind noch keine untergekommen. Außerdem zu lesen: „Mit 5 Cerealien aus dem vollen Korn.“ Den Kommentar zum Wort Cerealien verkneife ich mir an dieser Stelle. Der Serviervorschlag ist wie immer auch sehr amüsant. Abgebildet ist ein Stapel Kekse mit Getreideflocken, Cranberrys und den dazugehörigen Blättern. Na dann, guten Appetit!
Die Kekse schmecken ganz gut. Wie erwartet nach Getreide und Cranberry, schon irgendwie ‚gesund’ und im Vergleich zu ‚normalen’ Keksen weniger süß.

Zu Hause angekommen habe ich mir die Verpackung dann genauer angesehen und den QR-Code benutzt, der übrigens so aufgedruckt ist, dass man die Packung total aufreißen muss, um ihn zu fotografieren. Ich wurde auf die „Bei uns zu Hause“ Seite  von Kraft gelotst. Ich erfuhr, dass es noch zwei andere Geschmacksrichtungen gibt, „Knusprige Cerealien“ und „Milch & Cerealien“. (In anderen Ländern, u.a. Venezuela, Brasilien, Kolumbien, Rumänien, UK, USA, gibt es die Kekse schon länger und in anderen Geschmacksrichtungen.) Von der Startseite aus lässt sich übrigens nichts über belVita finden. Dafür stößt man mit Suchmaschinen auf jede Menge Hotels und Altenpflegedienste. Auf der Seite von Kraft fand ich über die Suche nichts zu belVita, aber auf anderem Wege eine Pressemitteilung vom 12.05.2012: zu dem neuen Produkt. In dieser werden die Kekse als „smarte Lösung“ für Leute präsentiert, die keine Zeit zum Frühstücken haben. Quasi Frühstück ‚to go’. Ob das allerdings noch so praktisch ist, wenn man den folgenden Tipp befolgt?

„Zusammen mit einem Stück Obst, einem Milchprodukt und einer Tasse Kaffee oder Tee liefert belVita, als Bestandteil eines ausgewogenen Frühstücks, Energie für den ganzen Vormittag.“
Was die Kekse so ‚gesund’ macht, sind übrigens nicht nur Getreideflocken, sondern auch die zugesetzten Vitamine E, B1 und B3, Eisen und Magnesiumcarbonat. Wenn ich ein Frühstück ‚to go’ brauche, wird das wohl weiterhin eine Banane, ein Apfel oder ein belegtes Brötchen sein.

Die Kekse sollen bereits seit Ende Mai (KW 22) im Handel sein. UVP für eine Packung (6×4 Kekse) ist 2,89 Euro.
Der Geschmack überzeugt mich nicht, um diesen Preis dafür zu bezahlen. Vielleicht bin ich alt, konservativ und langweilig. Aber Kekse sind für mich kein Teil des Frühstücks und wenn ich Kekse esse, möchte ich richtige Kekse. Und mit richtig meine ich auch richtig ungesund. Ich weiß, dass in Schokolade keine Milch steckt, dass ich durch den Verzehr von Süßigkeiten oder Burgern nicht zum Sportass werde und dass in Erdbeerjoghurt selten Erdbeeren sind. Ich koche gerne, ich esse gerne und manchmal suche ich mir mit voller Absicht etwas Ungesundes aus. Weil ich es kann. Für mich sind die belVita Kekse ein überflüssiges Produkt. Die besten Kekse macht eh meine Oma und die esse ich jetzt auch!

12. Juni 2012
von irrewirre
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Diablo 3

Kleine Warnung: Wer das Spiel liebt und keinen Humor hat und/oder keine Kritik verträgt, sollte besser einen anderen Text lesen!

Spielen? Auf dem PC? Nö, wieso? Ich habe doch eine XBOX mit ordentlichen Controllern und mit dem Fernseher auch ein ganz ordentliches Display. Mein Laptop hat eine Bildschirmdiagonale von 13″ und weder die Tastatur noch die Maus (die ich mir erstmal leihen musste) empfinde ich als geeignete Steuerung, wenn die ‚Action‘ über „Die Sims“ hinausgeht.
Und dann kam der Hype um „Diablo 3“ von Blizzard. Schon vor Monaten konnten es einige Leute aus meinem Bekanntenkreis kaum noch erwarten, dass das Spiel endlich herauskommt. Da dem Spiel ja Codes beiliegen, mit denen man Freunde „anfixen“ kann, habe ich es dann also heruntergeladen und installiert. Bereits am nächsten Tag [sic!] konnte ich dann loslegen. Meine Barbarin begab sich in den Kampf.
Die Eingangsszene hat mich sehr positiv überrascht. Hatte nicht jemand behauptet, an der Grafik hätte sich nichts getan? Ich meine, ich habe keine Ahnung wie die Vorgänger aussahen, aber das war doch wirklich mal ein Hingucker. Und dann begann das Spiel. Vorbei war es mit der tollen Grafik. Es ist ja schon alles erkennbar, aber irgendwie fühlte ich mich stark an Loom auf dem 486er erinnert (Ich habe gerade gesehen, dass es das bei Steam  gibt, großartig! Oder eben auch nur eine Kindheitserinnerung, die der heutigen Realität nicht standhält…).
Ich hatte ein bisschen Angst, dass ich mir direkt 42 Tastenkombinationen merken muss und im ersten Kampf gnadenlos abgemurkst werde. Ich habe ja keinen der Vorgänger gespielt und bin mit solchen Spielen auf dem PC wie gesagt nicht vertraut. Aber ich kam sofort gut mit der Steuerung zurecht. Es wird ja alles erklärt und so viel Auswahl hat man ja am Anfang auch noch nicht. Ich fand es immer hilfreich, dass beim Spielen auch teilweise die Tastenbelegung angezeigt wird.
Natürlich kam der Punkt an dem ich getötet wurde und genervt war. Ich liebe es einfach, wenn ich speichern kann, wann ich will und nicht wenn das Spiel es mir gerade erlaubt. Die Uhrzeitanzeige ist ja sehr praktisch und bei solchen Spielen auch sinnvoll, aber wenn ich dann denke: „Ach, schon so spät. Ich muss weg!“ ist es schade, dass ich nach dem Neustart einiges wiederholen muss. Leider bekam ich auch selten die Gelegenheit dazu, denn der Server war ja ständig voll. Es ist ja nett, dass man die Möglichkeit hat, mit anderen zusammen online zu spielen aber dieser Onlinezwang ging mir schon sehr auf die Nerven. Vielleicht hat sich die Lage ja mittlerweile entspannt, aber das ist wirklich ein dicker Minuspunkt. So saß ich internetlos im Zug und konnte meine latente Sucht nicht befriedigen. Soweit ich es über twitter verfolgen konnte, wurde beim Zugang auch nicht zwischen Testern und Käufern unterschieden. Wenn ich 60 Euro für ein Spiel bezahle, möchte ich es spielen, wann (und ja, auch wo) ich will.
Sobald das Spiel lief war ich (abgesehen von den Speicherpunkten) zufrieden. Ich habe in meiner Welt gewütet, gemetzelt, Gold gesammelt, Rüstungsteile und Waffen gekauft und geschmiedet. Und mich darüber geärgert, dass ich so wenig Zeug tragen kann. Sich ständig zu einer Truhe oder einem Händler zu teleportieren fand ich nicht so spannend.  Aber besonders am Anfang will man ja erstmal sammeln, sammeln und sammeln. Man weiß ja nie, was man sonst verpassen könnte.
Ich hatte mich gerade ganz gut eingelebt, als ich dem Skelettkönig entgegentrat und somit das Ende der Testphase erreichte. Natürlich hätte ich jetzt einen anderen Charakter starten können um alles noch mal, nur anders spielen zu können, aber wegen der Serverprobleme hatte ich keine Lust darauf. Also habe ich alle Zelte in dieser virtuellen Welt abgebrochen und das Spiel wieder gelöscht. Ich hatte meinen Spaß aber für mich stand fest, dass ich nicht bereit bin, den derzeitigen Preis für das Spiel zu bezahlen um es auf dem PC zu spielen. Die Sprecherliste (u.a. mit Bodo Wolf, Jürgen und Tobias Kluckert) sind für mich als Hörspielfreundin noch ein Pluspunkt.

Fazit: Wenn Diablo 3 eines Tages doch noch für die XBOX erscheint, könnten wir Freunde werden.

11. Juni 2012
von irrewirre
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Hörspiel-Arena auf Tour

Bisher kannte ich die Hörspiel-Arena der Hörspiel Gemeinschaft von der Leipziger Buchmesse. Am Wochenende fand sie im Kulturbunker Köln-Mülheim statt. Dank einer Verlosungsaktion von Audible fiel mir die Entscheidung hinzufahren, noch leichter. Ich hatte 2 Tageskarten gewonnen. Danke!
Der Terminkalender hat sich für den Sonntag entschieden, das Bühnenprogramm vom Samstag hätte mich aber auch sehr interessiert. Wir wollten ausgeschlafen ankommen und sind daher erst mittags in Köln angekommen. Das Navi hat uns mehr oder weniger sicher gelotst und für Parkplätze war ja auch direkt am Bunker gesorgt, also rein ins Vergnügen. Mit der Gästeliste hat alles geklappt und schon standen wir am ersten Infotisch im Erdgeschoss. Hier konnten wir das erste nette Gespräch führen und uns noch mit ein paar mehr Infozetteln eindecken. Dann kam kurz Verwirrung auf. Laut Aushang sollte es Vorleser im EG geben, gefunden haben wir den Kinderbereich. War der jetzt damit gemeint? Egal, das finden wir noch heraus.
Die Stände der Aussteller sind im 1. OG untergebracht gewesen. Fast alle Verlage hatten diese Regal als Stand, die die meisten sicher von den Hörspiel-Bereichen der Buchmessen kennen. Es gab 3 Räume, in denen man sich über Neues und Altbekanntes informieren konnte. Wenn es nicht gerade hieß „Falls ihr Fragen habt, ich gehöre eigentlich zu Stand XY.“ (was nie ein Problem war und außerdem den Gemeinschaftsgedanken rüberbrachte), kam man immer schnell ins Gespräch. Die Verlage präsentierten in ihren Regalen eine Auswahl ihrer Produkte und natürlich das eine oder andere Werbegeschenk. Anfassen war ausdrücklich erlaubt. Aber wir waren ja nicht nur zum Gucken da, wir wollten auch das eine oder andere Hörspiel kaufen. Schade, dass es nur an wenigen Ständen möglich war, einen Ausschnitt der Hörspiele anzuhören. Hörproben waren meistens Fehlanzeige und das fand ich sehr schade. Aufgrund der Größe der Messe erwarte ich keine riesige Hörstation, aber ein MP3-Player und ein Kopfhörer nehmen jetzt nicht so viel Platz weg. Nur wegen einer Beschreibung und ein paar bekannten Namen treffe ich noch keine Kaufentscheidung. Bei der Lauscherlounge  kam man immerhin über Umwege zu einer Hörprobe. Im „Lauscher“-Heft sind QR-Codes abgedruckt, über die man sich dann (auf der Terrasse oder im Café, wo man Netz hatte) Trailer anhören konnte. Das haben wir gemacht und zur Sicherheit auch noch die Hörproben auf der Webseite angehört.
Nach einem ersten Rundgang wollten wir uns das Bühnenprogramm ansehen. Ich war erstmal erstaunt, dass der Kulturbunker so gut ausgestattet ist und die Bühne und der Zuschauerraum so groß sind. Wir sahen und hörten dann die letzten Minuten des Live-Hörspiels „Die Nachbarn des Leon Lampe“ von Lautsprecher Events. Ich weiß jetzt zwar wer Mörder ist, aber es hat mir gefallen und ich kann mir vorstellen, es noch einmal von Anfang an zu hören. Neugierig wie wir sind, blieben wir für die nächste Veranstaltung. Hier war nicht Zusehen, sonder Mitmachen angesagt. Marco Göllner (wohl am besten bekannt für „Dorian Hunter“ und „Goldagengården“ (Ohrkanus 2011: Beste Regie und Beste Serie)) und Sounddesigner Sebastian Breidbach von ear2brain (Ohrkanus 2012: Bestes Soundkonzept John Sinclair) brauchten ein paar Aufnahmen von Massenszenen. Wir gingen, quatschten, sangen (!), klatschten und jubelten. Es hat Spaß gemacht und ich bin gespannt, wie sich die Aufnahmen nachher anhören werden. Dafür müssen wir dann ein Zaubermond-Hörspiel nach einer Geschichte von Kai Meyer sowie in den nächsten “John Sinclair”-Folgen zu hören sein!“.
Jetzt drehten wir eine weitere Runde an den Ständen und wollten uns entscheiden, was wir kaufen. Das war wegen der fehlenden Hörproben wie gesagt schwer, aber zum Glück gab es ja jede Menge Infomaterial, so dass wir in den nächsten Tagen noch einige Hörproben vor uns haben. Von Ohrland gab es auch eine Demo-CD, die wir noch hören werden.
Entschieden haben wir uns dann für Lady Bedfort 53 und 54 (Hörplanet), obwohl wir die beiden Folgen sowieso in einem Monat (Veröffentlichung ist am 3. Juli) dank unseres Abos zugeschickt bekommen. Aber wir sind schließlich gierige Fans und wir wollten die Lady Bedfort Tasse.
So sieht sie von der einen Seite aus:

Lady Bedfort Tasse, Hörplanet

Lady Bedfort Tasse

Und so von der anderen:

Lady Bedfort Tasse, Hörplanet

Lady Bedfort Tasse

Außerdem gab es „Nach dem Frost“ fast geschenkt.
Dann haben wir noch „Plan B“ von Ivar Leon Menger bei der Lauscherlounge gekauft.  Gleich heute Morgen hat es den Weg in unseren CD-Player gefunden und wow, es hat sich gelohnt! Mehr davon in einem anderen Beitrag. Ich denke, der Ohrkanus 2010 für das Beste Hörspiel Erwachsene war durchaus berechtigt.
Der Besuch der Hörspiel-Arena hat sich also gelohnt. Gegen den Eintrittspreis von 9 Euro kann man nichts sagen, schließlich standen einige Live-Hörspiele auf dem Programm und wer bei dem einen oder anderen Messeschnäppchen zugegriffen hat, kam auch so auf seine Kosten. Und die persönlichen Kontakte sind ja sowieso unbezahlbar.
Ach ja, das mit den Vorlesern und dem Kinderbereich hat sich auch noch geklärt: Zu jeder vollen Stunde lasen dort ehrenamtliche Vorlesepaten Geschichten vor.

5. Juni 2012
von irrewirre
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Eckart von Hirschhausen: Liebesbeweise

Ich habe schon mal bei einem Auftritt von Eckart von Hirschhausen sein Merchandising verkauft und weil er nun bei den Ruhrfestspielen auftrat, habe ich die Chance genutzt, und ihn mir mal live angesehen. Um mich herum viele typische Ruhrfestspiele-Besucher (über die ich mich an anderer Stelle noch mal auslassen werde), die den Mann aus dem Fernsehen auch mal sehen wollen. Das war auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, um sich mit 30 noch mal richtig jugendlich zu fühlen. Ich fand es ja gewagt, das Late Night Kabarett um 22:30 Uhr anzusetzen und vorher noch ’normales‘  Theater zu zeigen. So kam es dann auch, dass die Türen wohl etwas später als geplant geöffnet wurden.

Diese Musik beim Einlass, das kann doch wohl nicht sein Ernst sein: „Er gehört zu mir“, „Dein ist mein ganzes Herz“ und andere schlimme Schlager. Mit dem Warm-Up per Beamer auf der Leinwand steigt das Niveau dann etwas. Die Witze sind nicht alle neu, kommen aber offensichtlich beim größtenteils auch nicht mehr ganz taufrischen Publikum an. Der Doktor selber kommt direkt nach der Begrüßung von der Bühne, um sich mit dem Publikum zu unterhalten. Dort stellt er per Summtest fest, dass so gut wie keine Singles anwesend sind, einige Anwesende aber wohl lieber Single wären. Damit hat er den Großteil des Publikums bereits im Griff. Im Laufe des Abends erhärtet sich der Verdacht, dass viele der anwesenden Paare schon 25 Jahre verheiratet sind und einige der Tipps wirklich nötig haben.

In den immer wieder vorkommenden Gesprächen mit dem Publikum, an allen improvisierten Stellen, ist Eckart von Hirschhausen am stärksten. Hier bringt er sein medizinisches Wissen locker rüber und bringt die Menge zum Lachen. Wenn er dann auch noch treffsicher die Leute anspricht, die mit ihren Äußerungen alle amüsieren, läuft es einfach rund.

Sein Vortrag auf der Bühne hingegen wirkt manchmal zu steif, zu sehr eingeübt. Das ist er natürlich auch, aber es wäre schön, wenn man das etwas weniger merken würde. Etwas lockerer wirkt Hirschhausen in den Gesprächen mit seinem Pianisten Christoph Reuter. Der kann mit seiner trockenen Art und natürlich auch mit seinem Klavierspiel einiges zu dem Abend beitragen. Mit dem Klavier und seiner Stimme begleitet er den Gesang von Eckart von Hirschhausen. Denn der nimmt in seinem Programm nicht nur die Texte bekannter und beim Eingang gehörter Liebeslieder auseinander, sondern trägt auch selber welche vor. Das führt zwar nicht direkt zu Ohrenschmerzen, aber eine CD nimmt der Arzt hoffentlich nicht auf. Mit seinen Gesangsnummern und auch mit seinem Sprechen zur Klavierbegleitung begibt sich Hirschhausen hart an die Grenze zum Schmalz.

Wenn Hirschhausen sich hingegen darauf konzentriert, menschliche Beziehungen und wie sie schief laufen können, nicht nur medizinisch, sondern eben auch mit viel Humor zu erklären, dann ist er gut. Und dann leuchtet auch jedem ein, warum es total praktisch und normal ist, dass die Verliebtheit der ersten Stunde nicht jahrelang anhält. Dann käme man nämlich zu nichts. Also abgesehen von dem Naheliegenden.

Hirschhausen hatte angekündigt, dass er zufrieden sei, wenn bei jedem nur ein Punkt hängen bleibe. Mir bleibt vor allem im Kopf, wie er mit Gymnastikbändern Statistiken visualisiert hat. Das war ganz lustig. Unangenehm wurde es aber am Ende: Das Publikum wird aufgefordert  aufzustehen,  ‚All you need is love‘ zu singen und im Takt mitzuklatschen (haha, ein deutsches Publikum und Rhythmusgefühl, guter Witz, wenn nicht einer der besten des Abends!). Also Stimmung und Standing Ovations auf Kommando. Beim Rest des Publikums hat das funktioniert.

26. April 2012
von irrewirre
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„Der Radfahrer von Tschernobyl“ von Javier Sebastián

Am 26. April 1986 kam es im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl zu einer Explosion. Ich war damals noch nicht ganz vier Jahre alt und habe darüber nie etwas in der Schule gelernt. Die eine oder andere Reportage hatte ich vor einem Jahr im Zuge der Fukushima-Katastrophe gesehen. Es ist passiert, es war ganz schlimm, es wurden viele Fehler gemacht und in dem Gebiet wurde eine Sperrzone eingerichtet. So konnte ich mein Wissen über den Super-GAU bis vor einigen Wochen zusammenfassen. Im Katalog des Verlages Klaus Wagenbach fiel mir dann das Buch „Der Radfahrer von Tschernobyl“ auf.

In dem Buch wird ein Spanier in Paris Zeuge davon, wie ein älterer Herr in einem Schnellrestaurant zurückgelassen wird. Notgedrungen nimmt er ihn bei sich auf und versucht herauszubekommen, wer dieser Mann ist. Parallel dazu wird in Rückblenden das Leben in dem Dorf Prypjat beschrieben. (Wie ich mittlerweile weiß, liegt es im Zentrum der Sperrzone von Tschernobyl. Es wurde für die Arbeiter des AKW errichtet und erst 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert. Offiziell liegt die Einwohnerzahl heute bei Null, aber es gibt einige Menschen, die dort noch leben.) Und dann stellt sich heraus, dass der ausgesetzte Mann Wassili Nesterenko, einer der bedeutendsten Kernphysiker der Sowjetunion, ist.

Dieser ist eine reale Figur und der Roman bezieht sich in Teilen auf seine Lebensgeschichte. Nesterenko hat sich direkt nach der Katastrophe für die Menschen vor Ort eingesetzt und dafür gesorgt, dass ihre Radioaktivität gemessen wird. Mit seinen Mitarbeitern hat er über die Risiken informiert und sich dafür eingesetzt, dass die Öffentlichkeit über die Vorgänge aufgeklärt wird. Mit dieser Arbeit hat er sich natürlich keine Freunde gemacht. Er wurde entlassen und verfolgt. Zwei Mordanschläge soll es gegeben haben. Auch im Roman gerät er in Gefahr und verschwindet dann spurlos. Für Spannung ist also gesorgt.

Ich bin jetzt immer noch kein Experte auf dem Gebiet und kann dementsprechend nicht genau auseinandernehmen, was Fakt und was Fiktion ist. Javier Sebastián verstrickt beides sehr gut miteinander. Auch Zitate aus Protokollen und anderen Quellen, die mit Fußnoten versehen sind, unterbrechen den Lesefluss nicht. Diese Tatsachen sind es, die das Ganze für mich sogar eher noch unglaublicher machten. Der Roman gehört definitiv nicht zu den Büchern, die man liest und dann vergisst. Auf der Webseite des Autors kann man sich über seine Recherche informieren, Bilder und Videos ansehen. Seine Texte stehen dort leider nur auf Spanisch, aber die meisten verlinkten Dokumente sind auf Englisch.  „Der Radfahrer von Tschernobyl“ ist das erste Buch, das von Javier Sebastiàn auf Deutsch erschienen ist und ich hoffe, dass weitere übersetzt werden.

Den beschriebenen Autoscooter gibt es in Prypjat übrigens tatsächlich, denn am 1. Mai 1986 hätte dort die Kirmes eröffnet werden sollen.

Javier Sebastián: Der Radfahrer von Tschernobyl. Übersetzt von Anja Lutter. Verlag Klaus Wagenbach, 224 Seiten, 19,90 Euro.