irrewirre

23. April 2012
von irrewirre
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Buchtipp: Der Gärtner von Otschakow (Andrej Kurkow)

Wie hier angekündigt, eine weitere Empfehlung für ein Buch von Anrej Kurkow.

Zeitreisen sind ein uralter Menschheitstraum und werden in den Künsten immer wieder thematisiert. Eine neue, leider aber nicht weniger fiktive, Möglichkeit dieser ganz besonderen Reise hat sich Andrej Kurkow für sein neues Buch „Der Gärtner von Otschakow“ ausgedacht.

Igors Mutter stellt den Gärtner Stepan ein. Dieser hat bereits als Kind eine Tätowierung auf den Arm bekommen. Jetzt kann er die Botschaft, die ihm damit hinterlassen wurde, nicht mehr entziffern. Gemeinsam mit Igor und dessen Freund Koljan, einem Computerspezialisten, kommt er seiner Vergangenheit auf die Spur. Der Hinweis lautet: “Otschakow 1957 Jefim Tschagins Haus”. Dort finden sie unter anderem eine alte Militäruniform. Dank dieser kann Igor fortan zwischen seiner Realität und dem 500 Kilometer entfernten Otschakow im Jahr 1957 hin und her wechseln. Er ist ganz bezaubert von dieser fremden Welt, die ihn zunächst überfordert. Mit der Zeit möchte er kaum noch in sein altes Leben zurück, aber sein Auftreten bleibt bei den Menschen aus der Vergangenheit nicht ohne Folgen.

Kurkow stellt das ganz normale Leben in der Ukraine dar, zu dem zumindest bei seinen Figuren auch immer sehr viel Alkohol gehört. Gäbe es nicht Fotos von Igor im Jahr 1957, könnte man glauben, dass seine Zeitreise nur ein durch zu viele Promille ausgelöster Traum sei. Hier kann sogar Igor, der sonst nicht so optiomistisch ist, positiv denken. Fantasie und Reakität ergänzen sich auf eine ganz wunderbare Art und Weise.

Es ist mittlerweile typisch für Kurkow, dass man seine Romane keinem Genre zuordnen kann. Er verbindet in seiner Erzählung die Vergangenheit und Gegenwart der Ukraine mit Liebesgeschichten und Schilderungen von Männerfreundschaften. Damit hat er es wieder geschafft ein Buch zu schreiben, dass einfach glücklich macht. Man kann es nach dem Lesen mit einem frohen Seufzer zur Seite legen und einfach froh darüber sein, dass man als Leser fast wie Igor für einige Zeit in eine eigene Welt abtauchen konnte.

Das hier wird also wohl nicht der letzte Beitrag über ein Buch von Andrej Kurkow bleiben.

Andrej Kurkow: Der Gärtner von Otschakow. Diogenes Verlag, 342 Seiten, 22,90 Euro.

23. April 2012
von irrewirre
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Buchtipp: Das Kolosseum (Erik Wegerhoff)

Das Kolosseum kennt wohl jeder. Auch wer noch nie in Rom war, weiß wie es aussieht. In der Antike fanden dort Spektakel statt, heute ist die Ruine eine Touristenattraktion. Dass in den knapp 2000 Jahren dazwischen jede Menge passiert ist, war mir bei meinem Besuch vor 12 Jahren überhaupt nicht bewusst. Nach der Lektüre von “Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert.” bin ich um einiges schlauer.

Für mich war klar: Das Kolosseum war in der Antike ein Amphitheater und als es dann mit der Macht der Römer vorbei war, verfiel auch das Kolosseum. Irgendwann entdeckten Archäologen es für sich und heute können wir uns deren Ergebnisse ansehen. Richtig ist, dass mit dem Ende der Kampfspiele im 6. Jahrhundert eine neue wechselvolle Zeit anbrach. Wie diese aussah, schreibt Erik Wegerhoff in seinem Buch.

Ein roter Faden ist die Instrumentaliserung des Kolosseums. Das Amphitheater wurde um 69 nach Christus errichet, um dort Gladiatorenkämpfe auszurichten. Es diente als Machtdemonstration, denn nicht jeder Herrscher konnte es sich leisten, Tiere und Menschen mit großem Aufwand heranzuschaffen, nur um sie in einem großen Spektakel umbringen zu lassen. Später errichten Adelsfamilien ihre Paläste darin und auch für die Päpste war es ein Ort von strategischer Bedeutung. Napoleon und die Oberhäupter des neu gegründeten italienischen Nationalstaates wussten es ebenfalls für ihre Zwecke einzusetzen.

In dem Buch wird besonders hervorgehoben, welchen Einfluss Texte auf die Gestaltung des Kolosseums hatten. Dementsprechend finden sich viele Zitate in dem Buch. Weiter aufgelockert wird das Buch durch die vielen Abbildungen. Manchmal verliert sich Erik Wegerhoff in vielen Details, die vielleicht nicht für jeden Laien interessant sind. Dank der guten Strukturierung des Buches lassen sich solche Stellen aber schnell überfliegen. Die Anmerkungen, immerhin über 550 für rund 160 Seiten Text, befinden sich am Ende des Buches. Dadurch wird der Lesefluss nicht gestört und es ist dem Leser freigestellt, sich tiefergehend zu informieren. Das Buch gibt mit Hilfe der Architektur-, Kunst- und Literaturgeschichte einen umfassenden Blick auf das Kolosseum und macht Lust auf eine Reise nach Rom, um sich die Spuren der Geschichte selber anzusehen.

Erik Wegerhoff: Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert. Verlag Klaus Wagenbach, 240 Seiten, 24,90 Euro.

23. April 2012
von irrewirre
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Buchtipp: Objekttheater (Gyula Molnàr)

Das Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst ist der Herausgeber des Buches und hier in Bochum ansässig. Seit 2007 bin ich regelmäßig dort und auch auf dem jährlichen Festival FIDENA zu finden. 2011 wurde die deutsche Fassung des Buches im Rahmen des Festivals vorgestellt.

Hinter dem Titel “Objekttheater. Aufzeichnungen, Zitate, Übungen” könnte man ein staubtrockenes und langweiliges Fachbuch vermuten. Bereits das schöne Cover belehrt uns aber eines besseren und tatsächlich hatte ich sehr viel Spaß beim Lesen. Nachdem ich Gyula Molnàr auf der Bühne gesehen hatte, hätte mich alles andere auch gewundert.

Gyula Molnàr ist einer der bekanntesten Spieler des Objekttheaters und hat mit dem Stück “Drei kleine Selbstmorde” einen Klassiker geschaffen. Der gebürtige Ungar lebt schon lange in Italien und arbeitet in ganz Europa als Schauspieler, Autor und Regisseur. Er hat sein Wissen in vielen Workshops weitergegeben und dann dieses Buch geschrieben, in das seine ganzen Erfahrungen eingeflossen sind.

Es richtet sich sicherlich stark an Objekttheaterspieler, aber eben nicht nur. Das Buch enthält zwar viele Anregungen für Spieler und beschäftigt sich oft mit dem Verhältnis von Schauspieler und Objekt. Es ist aber auch für interessierte Zuschauer geeignet. In gewisser Weise öffnet es dem Leser die Augen. Im Klappentext wird eine italienische Theaterzeitschrift zitiert, die das sehr passend zusammenfasst:
“Gyula Molnàrs Buch macht Mut, sich beseelen zu lassen von dem, was einem im täglichen Leben begegnet, und in dem, was uns umgibt, eine ständige Inspirationsquelle zu sehen.”

Wer mit dem Gedanken spielt, sich mal in dieser Theaterrichtung auszuprobieren, liegt mit diesem Buch auch richtig. Es ersetzt natürlich keine Ausbildung, aber es beschäftigt sich mit einigen Grundsätzen dieser Kunst. Außerdem gibt Gyula Molnàr sehr genaue Anweisungen zum Spiel der kleinen Selbstmorde. Dabei geht er haarklein auf die Requisiten, Vorbereitung der Bühne und auf sehr amüsante Weise auf die ganz speziellen Probleme eines Schauspielers, der hinter dem Vorhang auf seinen Auftritt wartet.

Molnàr schafft eine Mischung aus Anleitung, Poesie und Witz. Das hat nicht nur mit dem erzählerischen Talent des Autors zu tun, sondern auch mit der Struktur. Die Beschreibungen von Übungen wechseln sich ab mit kurzen Erzählungen, Kommentaren, Zeichnungen und Zitaten von Künstlern und Wissenschaftlern. Es gibt auch einige Textstellen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Diese muss der Leser sich selber erarbeiten, genau wie der Zuschauer im Objekttheater.

Das Buch schafft es sicher, auch Einsteiger für diese Theaterform zu begeistern. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass man dem Buch anmerkt, mit wie viel Begeisterung es erarbeitet wurde. Die Projektkoordinatorin Anke Meyer vom Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst bezeichnet die Zusammenarbeit mit Gyula Molnàr als Bereicherung und ich würde sagen: Das Buch ist auch eine Bereicherung für jedes Bücherregal. Wer sich also nur im entferntesten vorstellen kann, dass das Thema ihn interessieren könnte, sollte sich dieses Buch besorgen.

Gyula Molnàr: Objekttheater. Verlag Theater der Zeit, 132 Seiten, 15 €.

23. April 2012
von irrewirre
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Buchtipp: Bitte sagen Sie jetzt nichts (Loriot)

Auch wenn er nach eigener Aussage Interviews nicht mochte, hat Loriot im Laufe seines Lebens so einige Fragen von Journalisten beantwortet. Einige davon sind in dem Buch “Bitte sagen Sie jetzt nichts” nachzulesen.

In dem Buch finden sich Gespräche und Interviews aus den Jahren 1968-2009. Das sind rund vierzig Jahre Lebenszeit und vor allen Dingen auch Geschichte. Hier erfährt man nicht nur, wie die Knollennasenmännchen zu eben diesen wurden. Was dieses Buch lesenswert macht, sind die kleinen Erzählungen, die den gelernten Maler und Grafiker auch von seiner nachdenklichen Seite zeige. Dazu zählt zum Beispiel seine Schilderung der Reichsprogromnacht. Wer das Buch kauft, sollte also nicht einen Witz nach dem anderen erwarten. Aber Loriot wäre nicht Loriot, wenn er die Leser nicht zumindest zum Schmunzeln bringen könnte. Ich hatte beim Lesen einiger Sätze immer wieder Szenen aus Filmen von Loriot und Evelyn Hamann vor Augen. Einer der besten Texte im Buch war für mich die Beantwortung des Küchen-Fragebogens von Wolfram Siebeck.

Texte wie diese machen das Buch wirklich lesenswert. Leider kommt es bei den Gesprächen zu einigen Wiederholungen. Das liegt einerseits an den oft gleichen Fragen. Andererseits hätten diese vermieden werden können, da am Ende des Buches gesondert darauf hingewiesen wird, dass Gespräche für den Abdruck teilweise gekürzt wurden. Wenn man nur ab und zu in dem Buch liest, fällt dieser kleine Fehler aber nicht groß ins Gewicht. Wer sich einen kurzweiligen Überblick über das Leben und Werk Loriots verschaffen möchte, liegt mit diesem Buch richtig.

Loriot: Bitte sagen Sie jetzt nichts. Herausgegeben von Daniel Kampa, Daniel Keel. Diogenes Verlag, 256 Seiten, 21,90 €.

23. April 2012
von irrewirre
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Buchtipp: An die Kunst glauben (Wolfgang Ulrich)

Vor Kurzem hat eine Putzfrau im Dortmunder U Kalk aus einem Trog entfernt und damit ein Kunstwerk zerstört. Sofort kam eine Diskussion auf, wieso dieses Werk mit 800.000 Euro versichert ist. Um den Wert von Kunststücken geht es auch in Wolfgang Ullrichs neuem Buch “An die Kunst glauben”.

Wieso ist ein Werk, das von vielen nur mit dem Spruch  „Ist das Kunst oder kann das weg?“ beachtet wird, so viel wert sein? Für Wolfgang Ulrich hat das zum Teil damit zu tun, dass man an die Kunst glaubt. Und sei es nur daran, dass sie später noch mehr wert sein wird. Heutzutage ist es ja auch so, dass teure Kunstwerke als Statussymbole genutzt werden. Und wer es sich wirklich leisten kann, investiert nach Wolfgang Ulrich auch in eigentlich Hässliches oder Wertloses. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber auch das gehört in den Zusammenhang von Religion und Kunst.

Wolfgang Ulrich zeigt diesen an verschiedenen Beispielen. So geht es einerseits um Kunst in Kirchen, zum Beispiel im Kölner Dom. Da gab es ja vor einigen Jahren Streit um ein Fenster von Gerhard Richter. Er schreibt auch über regelrechte Machtkämpfe zwischen Kunst und Kirche. Andererseits kann Kunst aber auch dazu beitragen, den Glauben zu bestärken und einige der behandelten Künstler sind wohl wegen der Kunst vom Protestanten zum Katholiken geworden.

Die katholische und die evangelische Kirche unterscheiden sich ja unter anderem dadurch, dass man in katholische Kirchen immer viele Bilder und Statuen findet. Wolfgang Ullrich diagnostiziert bei einigen protestantischen Künstlern dann sozusagen einen Mangel, der sie zunächst in die Kunstreligion treibt. Für sie ist also die Kunst der Heilsbringer. Bei vielen Künstlern kam es dann dazu, dass sie konvertierten. Und dann Kunst produzierten, die diesen Glauben auch bei den Betrachtern stärken sollte.

Das klingt sicher theoretisch, aber es handelt sich hier schließlich um ein wissenschaftliches Buch. Der Leser wird mitgenommen auf eine kleine Reise durch Kunst- und Kirchengeschichte. Es kann zwar schon mal vorkommen, dass man ein Fremdwort nachsehen muss, aber das Buch ist auf jeden Fall für Kunstinteressierte geeignet, die nicht Kunstgeschichte studiert haben. Für mich als Neuling in dem Bereich war es auf jeden Fall aufschlussreich.

Einerseits hätte ich mir mehr Bilder gewünscht. Die Werke, die näher besprochen werden, sind zwar abgedruckt, aber relativ klein und nur schwarz-weiß. Andererseits findet man die Bilder ja schnell im Internet. Und schließlich ist es auch ein Taschenbuch und mit 12,90 Euro erschwinglich. Wenn der Wagenbach Verlag sich für eine Art Bildband entschlossen hätte, wäre das Buch natürlich auch viel teurer geworden.

Es ist Wolfgang Ulrich gelungen, ein verständliches Buch über ein komplexes Thema zu schreiben. Er deckt ein recht großes Spektrum ab, sowohl zeitlich als auch in der Unterschiedlichkeit der besprochenen Kunstwerke.
Was mir etwas gefehlt hat, war ein Fazit am Ende. Trotzdem finde ich es lesenswert für alle, die sich für Kunst interessieren.

Wolfgang Ulrich: An die Kunst glauben. Verlag Klaus Wagenbach, 176 Seiten, 12,90 €.