App Erstausgaben deutscher Klassiker
App Erstausgaben deutscher Klassiker

Deutsche Klassiker in Erstausgaben als App

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Gestern morgen erreichte eine Nachricht meine filter bubble: Die Bayerische Staatsbibliothek bringt die App Deutsche Klassiker in Erstausgaben heraus. Ich war natürlich direkt angefixt, Theater- und Literaturwissenschaft habe ich nicht ohne Grund studiert und auch wenn ich Edititions- und Dokumentwissenschaft nicht abgeschlossen habe, bleibt doch das Interesse für die Sache. Besonders für die digitalen Möglichkeiten.

Was meine Bücher angeht, bin ich zweigleisig unterwegs: Die Regale stehen voll mit Büchern, besonders für unterwegs liebe ich aber den eBook-Reader. Digital ist es ja auch sehr einfach, an urheberrechtsfreie Werke zu kommen. Aber mal ehrlich, das Lesen macht meistens keinen Spaß. Weil das Layout einfach nur zum Weglaufen ist und meist nicht herauszufinden ist, was für eine Textfassung mir gerade vorliegt und wer da welche Bearbeitungen vorgenommen hat. Andererseits habe ich natürlich wenig Lust (und Geld) um mir historisch-kritische Ausgaben zu kaufen. So hätte ich zwar auch die Möglichkeit, den abgedruckten Text mit der Handschrift zu vergleichen, aber der komplette Apparat inklusive Paralipomena interessiert mich dann ja doch nicht immer und hin- und herblättern ist nervig.

Digitale Editionen? Ja, bitte!

Digitale Editionen sind leider noch rar, vor zwei Jahren habe ich in einem Referat mal drei vorgestellt (Briefe von van Gogh, dem Komponisten von Weber und dem Politiker Escher) und dabei wurde auch klar: Die Beispiele zeigen tolle Möglichkeiten, wann werden sie für Schriftsteller genutzt? Nun, es wird ja daran gearbeitet. Ich bin vor allem gespannt, wie der digitale Arthur Schnitzler aussehen wird, aber dazu später mehr, wenn auch ein angegliedertes Mosaiksteinchen mit meiner Mitarbeit die Betaphase verlässt.
Wenn es tolle Webportale gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass man auch ganz ‚normale‘ Leser dafür begeistern kann und auch verständlich macht, wieso Wissenschaftler jahrelang an solchen Ausgaben arbeiten. Daher war ich natürlich sehr neugierig, ob diese App wenigstens ein kleiner Schritt in die, meiner Meinung nach,  richtige Richtung ist.

Was bietet die App Deutsche Klassiker in Erstausgaben?

Hier geht es ausdrücklich um Drucke, Handschriften sind nicht enthalten. Und glaubt mir, zum Beispiel bei Droste-Hülshoff könntet ihr lange zoomen, bis da etwas zu Entziffern ist. Wie meistens ist die App zunächst nur für iOS (ab Version 8.0) verfügbar und somit darf mein iPad 2 gerade mal mehr als die Zeitung anzeigen.

Enthalten sind 41 Werke aus den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek:

  • Büchner, Georg: Dantons’s Tod
  • Chamisso, Adelbert von: Pete Schlemihl’s wundersame Geschichte
  • Droste-Hülshoff, Annette: Gedichte
  • Eichendorff, Joseph von: Gedichte
  • Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Faust
  • Hebbel, Friedrich: Agnes Bernauer
  • Heine, Heinrich: Deutschland: Ein Wintermährchen
  • Hoffmann, E. T. A.: Fantasiestücke in Callot’s Manier / Band 1-4
  • Hoffmannsthal, Hugo von: Jedermann
  • Holz, Arno: Phantastus / Band 1 und 2
  • Horváth, Ödön von: Geschichten aus dem Wiener Wald
  • Hölderlin, Friedrich: Gedichte
  • Kafka, Franz: die Verwandlung
  • Kafka, Franz: In der Strafkolonie
  • Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug
  • Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti
  • Morgenstern, Christian: Galgenlieder
  • Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser / Band 1-4
  • Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag
  • Musil, Robert: Drei Frauen
  • Schiller, Friedrich: Die Räuber
  • Schnitzler, Arthur: Reigen
  • Stifter, Adalbert: Bunte Steine / Band 1 und 2
  • Storm, Theodor: Immensee
  • Trakl, Georg: Sebastian im Traum
  • Wedekind, Frank: Lulu
  • Wieland, Christoph Martin: Agathon / Band 1-4

Nach Angabe der Bibliothek handelt es sich jeweils um die erste selbständige Druckausgabe oder eine wesentlich vom Autor veränderte Neufassung.
Wer sich vorab einen visuellen Eindruck verschaffen möchte, kann sich eine kleine Einweisung auf YouTube ansehen. Ohne Audiokommentar werden hier die Funktionen präsentiert. Die Hintergrundmusik dazu ist so eine typische Tralala-Instrumentalmusik, die ich sehr nervig finde. Aber ich finde es gut, dass die Staatsbibliothek überhaupt ein Video produziert hat. Ich halte es aus eigener Erfahrung zwar für unmöglich, dass man so flüssig auf dem iPad schreiben kann, aber so ist das mit den Werbefilmchen…

Bedienung und Funktionen der App

Die App startet direkt mit der Übersicht der Werke. Die Reihenfolge lässt sich über die beiden Pfeile rechts oben ändern. So kann jeder wählen, ob alphabetisch nach Titel oder Autor oder chronologisch sortiert werden soll. Es wird jeweils das Titelbild angezeigt, darunter stehen natürlich Autor und Titel. Die Lupe startet die Suchfunktion und über das i kommt ihr zu einer Beschreibung der App, dem Impressum und Angaben zum Datenschutz.

Ein Tipp auf das gewünschte Werk öffnet eine größere Ansicht des Umschlags und gibt bibliographische Angaben (Ort, Verlag, Erscheinungsjahr, Umgang, Signatur und die Gattung). Unter einer kurzen Beschreibung ist der jeweilige wikipedia-Artikel verlinkt.

Es stehen drei Möglichkeiten des Lesens zur Verfügung:

  1. E-Book: Wer ‚einfach nur‘ den Text lesen möchte, ist hier richtig. Das Buch lässt sich durchblättern, mit Paginierung, einer Leiste zum schnellen hin- und herwechseln und Suchfunktion (So lässt sich zum Beispiel herausfinden, dass in „Emilia Galotti“ nur zweimal das Wort Phantasie steht…). Es gibt die Möglichkeit, Lesezeichen für Seiten zu setzen. Man kann aber auch Textteile markieren und dafür Lesezeichen setzen, Notizen (inklusive Überschrift) dazu erstellen oder kopieren. Die jeweiligen Stellen bleiben gelb markiert. Über das Zahnrad kann man zur Hybrid- oder Originalversion wechseln, den Zeilenabstand, die Hintergrundfarbe und die Bildschirmhelligkeit ändern oder die Schriftart ändern. Vereinzelt finden sich in dem Text Anmerkungen, die blau gekennzeichnet sind.
  2. Original: Hier könnt ihr durch die Scans blättern und euch eine Vorstellung davon machen, wie das Original in München aussieht: mit Stempeln, Beschädigungen und handschriftlichen Eintragungen. Und meistens in Frakturschrift. Ich habe die ja schon in der Grundschule gelesen, aber auch wer die Buchstaben nicht entziffern kann, sollte sich diese Version mal ansehen, weil diese hochauflösenden Scans einfach viel erzählen.
  3. Hybrid: Hier findet sich quasi der Kür-Teil der App, das, was sie wirklich innovativ macht. Es ist eine Kombination aus den beiden anderen Ansichtsmöglichkeiten, wobei diese überlagert werden können. Zunächst kann die Schrift geändert werden, wobei je nach Werk verschiedene angeboten werden, jeweils mit und ohne Serifen. Über den Schiebebalken ‚Überlagerung‘ kann ich dann zwischen dem Original und der gewählten Schrift wechseln, während der Rest des Bildes unverändert angezeigt wird. Das ist eine wirklich gute Funktion, die ich mir in Zukunft auch von digitalen Editionen mit Handschriften wünsche. Bisher sieht man hier eigentlich immer ein Nebeneinander vom Scan der Handschrift und der Druckfassung, den diplomatischen und/oder den edierten Text. Durch die Überlagerung wird Platz gespart und sie bietet einen kleinen interaktiven Faktor, schon fast spielerisch. Außerdem lässt sich eine gelbe Hinterlegung für die eingestellte Schrift einstellen. ich verstehe allerdings nicht, welchen Mehrwert diese Möglichkeit bietet.

Mein Fazit

Ich finde es gut und wichtig, dass die Staatsbibliothek so ein Angebot macht. Über die Auswahl der 41 Werke lässt sich natürlich streiten; sicherlich fragen sich einige, wer Autor X ist und warum Werk Y nicht dabei ist. Ich gehe aber davon aus, dass das Angebot in Zukunft noch erweitert wird. Wer sich nur für den Text interessiert, wird aber wohl auch in Zukunft auf andere Versionen zugreifen und auf den eBook-Reader laden. Alleine das Gewicht und die spiegelnden Oberfläche machen das iPad für mich nicht zu einem geeigneten Lesegerät. Die iPhones werden zwar immer größer, aber auch hier stelle ich mir das Lesen nicht sehr komfortabel vor.
Aber wer sich eben für etwas mehr interessiert, wird hier gut bedient. Die App ist übersichtlich, einfach zu bedienen und funktioniert flüssig. Es wäre schön, wenn sie den einen oder anderen für diese ‚alten Schinken‘ begeistern kann. Mir wäre es aber lieber, wenn ich das Projekt als Webseite ansehen könnte. Als Zusatz gäbe es dann die Leseversion für den eBook-Reader als Download. Wer sich für weitere Digitalisate der Bayerischen Staatsbibliothek interessiert, findet diese in der digitalen Bibliothek.

Die App Deutsche Klassiker in Erstausgaben findet ihr kostenlos bei itunes. Keine Angst, der Gebrauch von Alkohol, Tabak oder Drogen bzw. Verweise hierzu, Horror-/Gruselszenen, sexuelle Inhalte oder Nacktheit und Szenen mit erotischen Anspielungen sind laut Einstufung nur selten/schwach ausgeprägt. 😀

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