Schauspielhaus Bochum
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Und es läuft und läuft und läuft: norway.today

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norway.today ist ein Stück für 2 Personen von Igor Bauersima, das im Jahr 2000 uraufgeführt wurde und seit Ende 2011 im Schaupielhaus Bochum zu sehen ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte es seine Hochzeit schon hinter sich, von seiner Wirkung hat es aber nichts verloren. Ich war damals bei der Premiere im Theater Unten dabei. Seitdem empfehle ich die Bochumer Inszenierung immer wieder und bekomme begeisterte Rückmeldungen. Manche Leute wollen sogar ein zweites Mal gehen und das, obwohl es auf der Bühne um Selbstmord geht und der Abend alles andere als leichte Unterhaltung ist. Aber er endet eben auch nicht in einer kollektiven Depression. Jetzt will ich auch mal hier dafür werben.

Ab der ersten Minute ist das Publikum im Theater Unten kein Unbeteiligter, denn das Licht im Zuschauerraum ist noch an, als Verena Schulze als Julie ans Mikrofon tritt. Julie hat genug vom Leben und sucht in einem Chatroom nach einem Partner, der mit ihr den Selbstmordplan in die Tat umsetzt. Alle, die es nicht ernst meinen mit dem Selbstmord, sollen den Chatroom verlassen. Mit der Frage, wer sich ihr anschließen möchte, kann sich jeder im Publikum angesprochen fühlen und da man ja alle Sitznachbarn bei der Beleuchtung sehen kann, werden Blicke gewechselt. Da kann man schon fast erleichtert sein, dass sich August, gespielt von Ronny Miersch, meldet. Die beiden verabreden sich zum gemeinsamen Selbstmord in Norwegen. Es bleibt offen, wie alt die beiden genau sind (ich würde sie als Jugendliche/junge Erwachsene bezeichnen) und weswegen sie ihr Leben beenden wollen. Als sie sich dann in Norwegen treffen scheint es, als ob der Wunsch zum Selbstmord die einzige Gemeinsamkeit der beiden ist. Julie ist scheinbar fest entschlossen, selbstsicher, abgeklärt, spricht nicht viel und wenn, dann gibt sie oft trockene Kommentare ab. August hingegen hat tausend Fragen und findet beim Reden kein Ende. Es kommt zu Streitereien, es wird auch mal gelacht und trotz aller Unterschiede kommen sich die beide näher. Das liegt auch am Eindruck durch die Natur.
Gemeinsam erleben sie das Nordlicht. Die Schönheit dieses Naturphänomens beeindruckt sie beide. Sie filmt es, aber auf dem Video wirkt es einfach nicht wie im richtigen Leben. Ähnlich enttäuscht sind sie wohl von ihrem bisherigen Leben und scheinen es erst jetzt wertschätzen zu können. Zu diesem Zeitpunkt weiß man schon nicht mehr, wie sicher sich die beiden über ihr Vorhaben sind. August rettet Julie sogar das Leben, als sie aus Versehen abzustürzen droht.

Der offene Bühnenraum wird sehr gut genutzt und mit einem schlichten Bühnenbild und wenigen Requisiten wird viel erreicht. Die weiße Rückwand des Raumes dient als Projektionsfläche und als Hintergrund für den Dreh der Abschiedsvideos. Dies ist der intensivste Teil des Abends. Diese Szenen bringen den Zuschauer nicht nur dadurch näher an die Charaktere, dass er die beiden in projizierter Nahaufnahme sehen kann. Von wem sollen sie sich mit welchen Worten vor der Kamera verabschieden? Sie glaubt ihm das geklaute Zitat, aber er will unbedingt etwas Eigenes sagen. So kommt es zu einer Diskussion über Glaubwürdigkeit, Authentizität und Fakes. Das fand ich sehr interessant in der Inszenierung, die mich einerseits immer wieder daran erinnerte, dass ich im Theater sitze und andererseits total in das Geschehen hineinzieht. Bei den projizierten Videoszenen sind auch mal Zuschauer zu sehen und wegen der Säulen im Theater Unten ist die Sicht teilweise eingeschränkt. Der Raum ist ziemlich nackt und alles ruft quasi: Ich bin ein Theater, das ist alles nur gespielt! Und mittendrin die beiden Schauspieler, denen ich ihre Rollen in jedem Moment abnehme. Dieser Kontrast hat mir sehr gut gefallen und wird auch nicht aufgelöst. Nicht beantwortet wird auch die Frage, warum Julie und August eigentlich in den Tod springen wollen. Oder war das auch nur vorgetäuscht?

Regisseurin Martina van Boxen gelingt es, in rund 80 Minuten sowohl den ernsten Hintergrund als auch die komischen Stellen des Stückes in ein Gleichgewicht zu bringen. Ronny Miersch und Verena Schulze schaffen es, die Zuschauer unterschiedlichster Altersgruppen in ihren Bann zu ziehen. Ein beeindruckender Abend, der zum Nachdenken anregt und berührt.

Die nächsten Termine stehen auf der Webseite des Schauspielhauses Bochum.

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