Next to normal

Next to normal – Ein fast normales Musical

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Letzten Freitag war ich zum zweiten Mal innerhalb einer Woche in Dortmund. Nach „City Lights“ im Konzerthaus war ich auch zum Tweetup bei der Generalprobe des Musicals „Next to normal“ eingeladen.

Wir wurden am Bühneneingang von Michaela abgeholt und bekamen oben im Foyer neben Getränken und Laugengebäck die ersten Informationen zum Stück und der Inszenierung. Nebenbei fanden die tollen Lampen im Foyer viel Aufmerksamkeit. Mein Foto gibt es dann zum Lampenmittwoch auf instagram.

Worum geht es?

Das Musical „Next to normal“ handelt von Diana Goodman, die unter einer bipolaren Störung* und Wahnvorstellungen leidet und den Auswirkungen auf ihre Familie. Dabei werden Themen wie Trauer und Tod, Selbstmord, Drogenmissbrauch, Psychotherapie und Psychopharmaka angeschnitten und wie das alles in einem Vorstadthäuschen brodelt.

Die Vorgeschichte

Es dauerte ein paar Jahre, bis Brian Yorkey (Text) und Tom Kitt (Musik) die Arbeit an dem Musical abschließen konnten. Der Legende nach standen am Anfang ein Workshop und eine Inspiration aus dem Fernsehen, genauer gesagt der Bericht über eine Frau, die mit Elektroschocks behandelt wurde. 2008 fand die Uraufführung in den USA statt. 2009 wurde es bei den Tony Awards in den Kategorien Best Original Score und Best Orchestration ausgezeichnet, 2010 folgte der Pulitzer Prize for Drama, was bei Musicals eine seltene Auszeichnung ist. Nach und nach wurde es in anderen Ländern gespielt. In Berlin feierte es 2012 Premiere, im Jahr darauf in Fürth. Nun ist es auch in Dortmund gestartet. Das Team hatte außerdem die Unterstützung der LWL Klinik für Psychiatrie in Dortmund Aplerbeck und konnte mit Ärzten, Patienten und Angehörigen sprechen.

Die Besetzung

Auf die sechs Rollen im Musical bewarben sich über 600 Darsteller und so hatte die Oper Dortmund die freie Auswahl, um die „Traumfamilie“ zusammenzustellen. Ich habe mich mal durch die Biografien gewühlt und tatsächlich sind hier renommierte Darsteller zusammengekommen, die der eine oder andere schon auf der Bühne erlebt haben könnte.

Maya Hakvoort (Diana) ist gebürtig aus den Niederlanden und wohl am bekanntesten für ihre Rolle als Elisabeth im gleichnamigen Musical in Wien. Sie spielte in vielen bekannten Musicals mit (Sunset Boulevard, Cats, Chicago, Jekyll & Hyde, Evita, Kiss me Kate) und vielleicht haben einige sie 1998/1999 als Fantine in Duisburg gesehen.

Rob Fowler (Dan) wurde erst Automechaniker und mit 25 Jahren Schauspieler. Er spielte u.a. in der Rocky Horror Show, bei Hairspray in Köln und war im Ensemble von Starlight Express. Wer 2012 The Voice of Germany sah, konnte ihn öfter singen hören, denn er schaffte es bis ins Halbfinale. Jetzt arbeitet er an einem eigenen Musical, das The Boy Next Door heißen soll.

Johannes Huth (Gabe) spielte in den deutschsprachigen Erstaufführungen von Frühlingserwachen und War Horse mit. Parallel zu seinem Engagement in Dortmund ist er in Berlin bei Hinterm Horizont verpflichtet. Falls jemandem das Gesicht bekannt vorkommt, könnte das auch an seinen Auftritten in Film- und Fernsehproduktionen liegen.

Auch Eve Rades (Natalie) gehört zum aktuellen Cast von Hinterm Horizont und spielt außerdem in Gera bei Jekyll & Hyde mit. Ihr Handwerk hat sie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding gelernt.

Dort studierte auch Dustin Smailes (Henry), der bereits in Cabaret, The Rocky Horror Show und Anything Goes zu sehen war. Ob es in Wuppertal Fanclubs gibt, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall machte er dort sein Abitur.

Ein weiterer Absolvent der Bayerischen Theaterakademie August Everding ist Jörg Neubauer (Dr. Fine/Madden), der in Hamburg für Mamma Mia! und Dirty Dancing auf der Bühne stand.

Der Regisseur Stefan Huber hat in Dortmund bereits „Evita“ und „Funny Girl“ inszeniert.

Bühnenbild, Kostüme und Musik

Dann wurde es auch Zeit und wir konnten unsere Plätze einnehmen. Es wurde direkt fleißig losfotografiert, schließlich war der Blick auf das Bühnenbild frei. Es ist ganz simpel und multifunktional. Die Darsteller können auf zwei Ebenen agieren. Immer wieder wird der hintere Teil der Bühne verschoben und ergibt so schnell einen neuen Raum. Dazu reicht zum Beispiel der Sessel für Natalies Zimmer. Das mit den Ebenen darf dann auch im übertragenen Sinne gesehen werden, wenn Mutter und Tochter im Duett singen und wir sehen, welche Auswirkung die Erkrankung auf beide hat. Wenn ihr auf youtube nach Videos schaut, seht ihr, dass sich dieses Bühnenbild bereits bewährt hat.

Dan, Natalie, Henry und die Ärzte tragen übliche Alltagskleidung in eher schlichten Farben. Gabe allerdings tritt in weiß/grau/creme auf und Diana grundsätzlich in Rottönen. Beides fand ich recht platt und wird der sonst differenzierten Charakterdarstellung nicht gerecht. Hier hätte ich mich über eine deutliche Distanzierung von der Broadway-Produktion gefreut.

Die Musik von „Next to normal“ ist typisch für ein modernes Pop-Rock-Musical und bietet das Spektrum von mitreißenden Songs, Balladen bis zu Walzertakten. Auf der Bühne, aber kaum zu sehen, weil hinter dem Bühnenbild platziert, spielt die Band (Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard, Violine und Cello). Das Zusammenspiel mit den Darstellern funktioniert trotz der ungewöhnlichen Position tadellos.

 

Mein Eindruck

Zunächst mal finde ich es gut, dass das Thema psychische Erkrankungen den Weg ins Musical gefunden hat. Vielleicht ist das ein kleiner Schritt Richtung Anerkennung? Einen Beinbruch kann man sehen, dafür bekommt man direkt Verständnis. Aber wenn im Kopf etwas ‚kaputt“ ist hört und liest man noch Äußerungen wie „Stell dich nicht so an!“ oder „Ich bin auch mal traurig.“ Das hilft aber den Betroffenen nicht. Es ist also noch relativ mutig, das Stück zu spielen, auch wenn es anderseits natürlich Aufmerksamkeit garantiert. Die Geschichte wird eindringlich und nachvollziehbar erzählt. Zum größten Teil verzichtet die Inszenierung auf große musicaltypische Momente und vertraut den Texten, der Musik und natürlich den Darstellern.

Das funktioniert tadellos und es ist zum Glück nicht alles nur deprimierend. Es gibt immer wieder Stellen zum Lachen oder zumindest Schmunzeln („Wir haben die glücklichste Klospülung der Straße.“), viele Momente, in denen ich lachen musste, obwohl das eigentlich nicht angebracht war

und andere, die mich fast schon entsetzt machten. So reagiert der Arzt auf Dianas Äußerung „Ich spüre gar nichts mehr“ zufrieden und stellt fest: „Patient stabil.“ Es folgt dann eines meiner liebsten Lieder „Wer spinnt hier/Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“,

außerdem gefiel mir das zugegebenermaßen kitschige Duett „Richtig für dich“ von Natalie und Henry und “Was weißt du?” besonders. So weit so gut, zumindest was den ersten Teil angeht.

In der Pause wurde eifrig diskutiert und festgestellt, dass ich ja den „passenden“ Twitternamen habe. Der stammt allerdings aus einer total seriösen Quelle, der „Macbeth“ Übersetzung von Thomas Brasch. Nach der Pause herrschte Twitterverbot, aber ich will natürlich verraten, wie mir der zweite Teil gefiel.

Da viele Lieder wiederaufgenommen werden (Bitte sagt in den nächsten Tagen nicht „hey“ zu mir!) kam nun eher das 0815-Musicalgefühl auf, auch wenn es hier mit der Elektroschocktherapie ans Eingemachte ging. Na gut, im Gegensatz zu „The Who’s Tommy“ ist diese Behandlung wirklich harmlos… Insgesamt wird mir hier aber zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt Es gibt ein recht versöhnliches Ende, das mir zu sehr ins Klischee passte und dass da ein Licht ist weiß ich doch schon aus der Rocky Horror Show. Ich frage mich, wer aus dem Publikum etwas mit der Nennung von Sylvia Plath (eine Autorin, die unter Depressionen litt und mit Elektroschocks behandelt wurde und Selbstmord beging) anfangen kann, aber das ist nicht entscheidend.

Insgesamt ist es aber doch ein lohnender Abend. Für viele vielleicht der erste Kontakt mit dem Thema, für andere ein manchmal schwer erträgliches Wiedersehen mit der Vergangenheit oder Gegenwart. Das Wechselbad der Gefühle ist für alle, die sich darauf einlassen und Musicals mögen, garantiert. Genau so könnte es nämlich eigentlich überall passieren.

Seltsam finde ich, dass „Next to normal“ noch nicht in mehr Theatern gespielt wird. Kleine Musicals werden ja zunehmend auf den Spielplan von Stadttheatern genommen und die kleine Besetzung an Sängern und Musikern ist doch eigentlich eine Einladung.

Apropos Einladung: Danke für die Einladung an das Theater Dortmund und ich freue mich, wenn ihr in den sozialen Netzwerken mit #tdonormal eure Eindrücke zum Musical teilt. Das Theater und die Darsteller erwarten euch hier:

Das Theater Dortmund ist auf Facebook, Twitter, Instagram und YouTube.

Jörg Neubauer auf Facebook, Eve Rades auf Facebook, Johannes Huth auf Facebook, Twitter und Instagram, Rob Fowler auf Facebook und Twitter, Maya Hakvoort auf Facebook und Dustin Smailes auf Facebook.

Auf Facebook gibt es von Jens (pottblog) auch einen kurzen Beitrag zu dem  Abend.

Next to Normal im Opernhaus Dortmund
Dauer: 2 Stunden und 15 Minuten
Informationen zum Stück und Tickets gibt es auf der Webseite des Theaters.
Achtung, Spoileralarm in den Kommentaren!

* In der englischsprachigen Wikipedia wird darauf verwiesen, dass die Diagnose heute wohl anders ausfallen würde. Das ändert für mich als Zuschauer aber nichts an der Glaubwürdigkeit der Handlung und Charaktere.

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