Bild: Frank Witzel

Vom preistgekrönten Roman zum ausgezeichneten Hörspiel

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Der Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist ja schon mal ein Knaller. Ist das Hörspiel so wie gut wie sein Name und hat es den Deutschen Hörbuchpreis als bestes Hörspiel verdient?

Nicht nur der Titel, sondern auch das Hörspiel an sich ist eine kleine Herausforderung. Die Geschichte wird nämlich aus zwei Perspektiven erzählt, von einem Jugendlichen ohne Namen und der gleichen Person über 40 Jahre später. Zusätzlich stellt sich dann heraus, dass wir diesen Erzählern nicht vertrauen können. Der Ältere weist mehrmals auf sein Problem der Unterscheidung von Erinnerung, Gegenwart und Vorstellung hin, außerdem sind der Aufenthalt im Sanatorium und Gespräche mit einem Psychologen ein Thema.

Geschichten erzählen

Immer wieder wird klar, dass der Junge phantasiert und sich offenbar sein Leben gerade bunter ausmalt, als es wirklich ist. Manchmal wird im Nachhinein klar, dass man gerade einen Rückblick gehört hat oder eben eine, ich unterstelle ihm das mal, Wahnvorstellung. Aber man kann sich eben nie sicher sein, was wahr ist (oder einfach nur für ihn gerade wahr ist) und wird oft in der Schwebe gelassen, angefixt von Andeutungen. Vieles wird besonders ausgeschmückt, ist dann aber so erfunden wie die Sünden im Beichtstuhl. Zusätzlich sagt der Ältere auch, dass sein Wahnsinn nur ausgedacht sei. Klingt kompliziert? Ist es tatsächlich auch ein bisschen, es ist aber eben auch ein tolles Spiel.

Geschichte erzählen

Eingebettet ist die Handlung aber in reale Ereignisse der deutschen Geschichte. Trotz aller vom Autoren und seinem Protagonisten ausgedachten Geschichten vermittelt das Hörspiel für mich sehr gut die Atmosphäre der Sechziger Jahre und wie sich ein Aufwachsender in der noch jungen Republik gefühlt haben könnte. Was für Kämpfe im Kleinen (lange Haare als Junge) und Großen (Ost-West-Konflikt) ausgefochten wurden. Wer, wie ich, sehr wenig über die RAF weiß, kann da ganz schön ins Schlingern geraten. Ich habe mich aber gerne aufs Glatteis führen lassen.

Sprache und Musik

Zu einem großen Teil liegt das an Edmund Telgenkämper, dessen Stimme ich unglaublich angenehm fand. Sie ist tief, etwas rauchig, aber ohne zu Brummen oder zu Knarzen. Auch die anderen Sprecher haben mir gut gefallen, wenn ich auch fand, dass die Sprecher der Teenager zu alt klingen. Am Anfang habe ich mich tatsächlich gefragt, wann denn der Teenager aus dem Titel auftaucht, da ich die drei jugendlichen Protagonisten erst nicht als solche erkannt habe.

Das Hörspiel basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autors Frank Witzel, der 2015 den Deutschen Buchpreis erhielt. Witzel war an der Produktion beteiligt und schrieb die Musik. Diese ist vor allem durch die Musik der Sechziger beeinflusst und natürlich von der Lieblingsband des Protagonisten, der Beatles. Von ihm sind auch diverse Zeichnungen, wie auch das Coverbild. Von der Preisträgerjury wurde auch das „informative, schön gestaltete Booklet“ gelobt. Ich denke, dass dort auch weitere Zeichnungen enthalten sind, die mir als Downloadhörer natürlich entgangen sind. Einige sind auf der Webseite des Bayerischen Rundfunks zu sehen, wo auch einiges an Hörmaterial rund um die Produktion bereitgestellt wird und natürlich das Hörspiel selber.

Ein absurder Spaß

Insgesamt wird das ganze Hörspiel damit einfach rund und stimmig. Regie hat übrigens Leonhard Koppelmann geführt, der mit „Manhattan Transfer“ an einem weiteren Hörbuchpreisträger beteiligt ist. Ich mochte, wie die Geschichte zwischen ernsten Themen und wirklich absurd lustigen Szenen hin und her wechselt. Auch der Wechsel zwischen der Sicht eines Pubertierenden und der eines Sterbenden funktioniert wunderbar. Es war mir ein Vergnügen, diese völlig verrückte Version der deutschen Geschichte zu verfolgen. Und jetzt habe ich Lust darauf, auch noch das Buch zu lesen.

P.S. Der Nazi-Wort-Faktor dieses Textes ist mir unbekannt. 😉

Das Hörspiel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel und Leonhard Koppelmann ist im September 2016 beim belleville Verlag Michael Farin erschienen und kostet 20 €.

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